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Von einer Präsidentschaftswahl zur nächsten : Sündenbockdenken, der Bosporus und der Maroni... Über Frankreich, die Türkei und sicherlich die Zukunft.

by Bernard Dreano
5 juillet 2007 

Wer den Einwohnern von Kappadokien erklärt, sie seien Europäer, macht bloß Eines : er verstärkt den Islamismus. Nicolas Sarkozy (Debatte mit Ségolène Royal am 3. Mai 2007)

Sie und wir sind solidarisch, ob es dabei um das Mittelmeer, Europa und um die Welt geht. Charles De Gaulle (Rede vom 26. Oktober 1968 in Ankara).

In Frankreich hat gerade eine Präsidentschaftswahl stattgefunden, in der Türkei ist gerade eine umgangen worden. Zwei Ereignisse, die nichts miteinander zu tun haben ? Oder die miteinander in Wechselwirkung stehen ?

Der siegreiche französische Präsidentschaftskandidat hat es geschafft, wiederholt seinen Lieblingssündenbock zu zitieren, in diesem Fall die Türkei selbst, diesen Sargnagel Europas, dieses muslimische Danaergeschenk, dieses neue Troja (das bekanntlich in der Türkei liegt), ein Troja für Frankreich und Europa. Für ihn kann diese ferne Türkei nicht zu uns gehören, denn, so hat er mit erhobenem Zeigefinger erklärt, sie ist von Europa durch den Bosporus getrennt und liegt demnach in Asien. Hat er der Größe des Bosporus wegen beschlossen, vorzuschlagen, die Türkei vom Europarat fernzuhalten, einer Organisation, die 1949 gerade von ihr zusammen mit Frankreich ins Leben gerufen worden war ?! Es stimmt, die Europäische Union und den Surinam (der in Amerika liegt) trennt nur ein Fluss, der Maroni, kaum breiter als der Bosporus, aber der neue Präsident hat noch Zeit, um sich mit der Geographie anzufreunden ... Waren es im Übrigen nicht vielleicht die Franzosen von Saint-Laurent du Maroni, die als gute europäische Staatsbürger die Mehrheit ihrer Stimmzettel unverfroren zu Gunsten der rivalisierenden Präsidentschaftskandidatin abgaben ?

Weitab vom Maroni hat ihm die unterlegene Kandidatin im Lauf einer Debatte zwischen den beiden Wahlgängen erwidert, dass die Türkei als laizistische Republik, wenn nicht heute, so doch morgen vielleicht Anspruch auf den Beitritt zur Union erheben könne, und dabei vermerkt, dass diese Laizität von den „Demokraten“ mit Feuereifer verfochten worden sei. Von daher könne alles offen bleiben, da sich der Kampf der Aufklärung gegen den Obskurantismus auf türkischem Boden günstig entwickle.

Türkiye laiktir, laik kalacak ! [1]

Die Beharrlichkeit, mit der die türkische politische Präsidentschaftskrise als eine Konfrontation zwischen Islamisten und Laizisten dargestellt wird, verleiht sowohl der Behauptung von Nicolas Sarkozy, die Türken seien keine Europäer, weil sie Muslime sind, wie der Meinung von Ségolène Royale Glaubwürdigkeit, dass die Türken Europäer werden könnten, weil sie Laizisten sind. Sie stützt sich bei Wahlen bezahlt machende Rhetoriken, die eine islamfeindlich, die andere republikanisch. Das alles im Rahmen des Schemas vom Kulturschock der Zivilisationen, das mehr denn je unseren Denkhorizont zu gestalten beginnt.

Die türkische Krise wird jedoch von anderen Regeln bestimmt, und es ist nicht nur für die Türken, sondern auch für uns, die europäischen Nachbarn der Türkei wesentlich, ihre tatsächlichen Mechanismen und potenziellen Auswirkungen zu verstehen.

Erinnern wir uns daran, dass es um die Ernennung eines neuen Präsidenten für die Republik Türkei ging. Unter der derzeit gültigen Verfassung, die die Militärs nach ihrem brutalen Staatsstreich 1980 errichtet hatten, schien die Präsidentschaft im wesentlichen ein Ehrenamt zu sein, doch in Wirklichkeit verfügt der Präsident über eine beträchtliche Machtfülle, insbesondere bei der Ernennung hoher Beamter und Richter. In der Vergangenheit wurde der Staatspräsident, abgesehen vielleicht von der Amtsperiode des verstorbenen Turgut Özal von 1989 bis 1993, am häufigsten als eine Spielfigur des nationalen Sicherheitsrats wahrgenommen, dieser seltsamen, vom Generalstab kontrollierten Zweitregierung. Dieser Staatspräsident wird vom Parlament gewählt und muss zumindest bei den ersten Wahlgängen zwei Drittel der Stimmen erhalten.

Das Wahlgesetz, das ausgeklügelt worden war, um zu verhindern, dass die muslimische Partei die Mehrheit erhält, sieht vor, dass nur die Parteien Abgeordnete stellen können, auf die mehr als 10% der Stimmen entfallen. Paradoxerweise hat genau dieses Gesetz auf Grund der Uneinigkeit der liberalen Parteien gerade den Muslimen der Partei für Gerechtigkeit und der Entwicklung (AKP) die Mehrheit der Sitze mit nur einem großen Drittel der Wählerstimmen verschafft, allerdings keine ausreichende Mehrheit, um einen AKP-Präsidenten bei der Abstimmung über die Präsidentschaftswahl im ersten Durchgang zu wählen. Die Boykottierung der Abstimmung durch die „linke“ Opposition der Republikanischen Volkspartei (CHP) hat als Vorwand gedient, um die Präsidentenwahl ungültig zu machen (und daher die Wahl von Abdullah Gül, des Präsidentschaftskandidaten der AKP, in einem weiteren Wahlgang mit einfacher Mehrheit zu verhindern).

Sagen wir es gleich, was in der Türkei vor sich geht, hat nichts oder in der Hauptsache, nichts mit einem Kampf zwischen Aufklärung und Obskurantismus zu tun, nicht einmal mit einem solchen zwischen Laizismus und Islamismus. Um sich davon zu überzeugen, genügt es, sich die Hauptpersonen der Krise anzusehen.

Die Verfechter der „gerechten Ordnung“ [2]

Was ist unter dem politischen Islam in der Türkei zu verstehen, genauer, der AKP von Premierminister Recep Tayyip Erdogan und seinem Außenminister und erfolglosen Präsidentschaftskandidaten Abdullah Gül ?

Historisch gesehen ist die Partei aus den islamischen und nationalistischen Organisationen der Milli Görüs-Bewegung (nationale Sicht) hervorgegangen. Sie war von denjenigen ins Leben gerufen geworden, die die Laizität der von Mustapha Kemal Atatürk gegründeten Republik ablehnten. Die politische Ausgabe dieser Bewegung, durch deren Schule sowohl Erdogan wie Gül gegangen sind, war die von Necmettin Erbakan geleitete Refah Partisi (RP, die Wohlfahrtspartei). Die „sekulären“ Militärs befürworteten lange und bis zu einem gewissen Punkt den Islamismus gegen die vor 1980 in vollem Aufschwung befindliche radikale Linke. Erbakan war vor dem Putsch mehrmals Minister und später, nach dem Wahlsieg seiner Partei (22% der Stimmen) und dank seiner Allianz mit der liberalen und sekulären Parteiführerin Tançu Ciller 1996 Premierminister geworden. Er zeigte sich damals gern zusammen mit Jean-Marie Le Pen. Im Februar 1997 hat die Palastrevolution der Armee diesem Experiment ein Ende gesetzt, dieses Mal war die Rede von einem „post-modernen“ Staatsstreich und die RP wurde verboten (sie hat sich unter einem anderen Namen neu gebildet).

Der politische Islam ist dadurch nicht verschwunden, sondern hat mit dem Antritt einer neuen Generation, von der gewisse Mitglieder ihre Bewährungsprobe als lokale Abgeordnete gemacht haben (Erdogan war Bürgermeister von Istanbul), interne Neubildungen, dann die Spaltung innerhalb der Bewegung beschleunigt. Das alles hat sich in den Wahlen von 2002 im Misserfolg des klassischen Islamismus niedergeschlagen, als die aus der ehemaligen Refah hervorgegangenen Saadet Partisi (SP, Glückseligkeitspartei) nur 2,5 % der Stimmen erhielt und der Sieg an die Modernisierer der AKP (34 % der Stimmen) ging. Die AKP definiert sich als eine rechte sozialliberale Partei, die sich an den deutschen Christdemokraten misst und sich gerne im Programm von Nicolas Sarkozy wiedererkennen würde, wenn dieser sie nicht, wie wir gerade gesehen haben, als Sündenbock benutzen würde. Die AKP wird von einer breiten Mehrheit des neuen Mittelstandsbürgertums getragen, von den aus der Landflucht der 60er Jahre hervorgegangenen kleinen und mittelständischen Unternehmern mit ihren dynamischen Handels- und Dienstleistungsbetrieben, Informatik- und Lebensmittelindustrieunternehmen usw., und die namentlich vom Bundesverband unabhängiger Industrieller und Unternehmer MÜSIAD (eine Art Generalverband der türkischen KMUs) angeführt werden. Diese wirtschaftliche und soziale Verwurzelung erklärt die sehr pro-europäische Haltung der herrschenden Partei des türkischen politischen Islamismus.

Innerhalb dieser rechten Islamodemokraten gibt es auch radikalere Strömungen, vergleichbar etwa mit der Stellung die die Demokraten der bayrischen christlich-sozialen Union (CSU) innerhalb der christlich-demokratischen Union (CDU) einnehmen : die Mitglieder der AKP verteilen Bücher religiösen Inhalts in den Ratshäusern oder schlagen vor, den Alkoholkonsum außerhalb der geschützten Viertel zu verbieten, und die AKP macht den -erfolglosen- Vorstoß den Ehebruch unter Strafe zu stellen. Dennoch hat sich der radikale türkische Islamismus wesentlich außerhalb der AKP entwickelt, in Kleingruppen, aber gefährlich wie die „türkische Hizbollah“ oder die jugendlichen Mörder der drei christlichen Evangelisten in Malatya am vergangenen 18. April. Bezeichnenderweise erscheinen die Reden dieser Extremisten sowohl nationalistisch wie religiös (und entschieden sunnitisch gegen sämtliche schiitischen oder sufischen „Häresien“).

Glücklich wer von sich sagen kann : ich bin ein Türke [3]

Wer sind die „weltlichen Kemalisten“ im Unterschied zum politischen Islam ?

Zuallererst die Militärs. Die Republik wurde auf den Trümmern des Ottomanischen Reichs durch die Armee und ihren Anführer Mustapha Kemal [4] errichtet. Die kemalistische Partei (CHP, Republikanische Volkspartei), bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs eine Einheitspartei, war nur das zivile Werkzeug dieser Macht. Heute stellt diese Armee nicht nur das stärkste Kontingent der NATO-Landstreitkräfte, sie bildet weiterhin symbolisch, aber auch wirtschaftlich und institutionnell der Kern der Macht. Die Armee ist direkt oder indirekt in zahlreichen großen Industriegesellschaften und Diensten gegenwärtig, die oft eine Verbindung mit dem ausländischen, insbesondere dem französischen Kapital unterhalten (Automobil, Versicherungen usw.) und sie beherrscht den nationalen Sicherheitsrat. Im Umkreis der Armee, aber auch der Polizei, der Staatsanwaltschaft, eines Teil der universitären Eliten und in Unternehmerkreisen hält sich ein harter Kern der Macht mit seinen mafiösen Verzweigungen aufrecht, den die Türken „Staat im Staat“ nennen. Der „Kemalismus“ auf den sich dieser harte Kern beruft, ist eine Mischung aus Autoritarismus und Nationalismus, und seine „Weltlichkeit“ besteht keineswegs darin, wie in Frankreich geglaubt wird, die Institutionen zu verweltlichen und Staat und Kirche zu trennen, sondern darin, aus dem in den Rang einer Staatsreligion erhobenen sunnitischen Islam ein Werkzeug zu machen.. Die Imame werden im Übrigen an staatlichen religiösen Gymnasien ausgebildet.

Die Gefolgschaft im Umkreis des „Staats im Staat“ steht einem EU-Beitritt ziemlich feindlich gegenüber. Die Unternehmer und die Schwerindustrie geben sich mit der seit 1995 eingerichteten Zollunion zufrieden und die politisch-militärisch-juristische Macht erträgt die Einmischungen der Union sehr schwer, denn diese fordert mehr Demokratie, Minderheitenrechte usw. Der Staat im Staat nutzt die nationalistische Rhetorik gegen diese Forderungen nach Freiheit voll aus ; die Versammlungsfreiheit, das Recht auf die kurdische Sprache oder die Wiederaufnahme der griechisch-türkischen Beziehungen sind unter der AKP-Regierung gegen ihn durchgesetzt worden. In seiner militärischen, juristischen oder Mediengestalt führt der Staat im Staat einen Feldzug gegen die „Agenten des europäischen und amerikanischen Amerikanismus“, das heißt, sowohl gegen den politischen Islam als auch gegen die demokratischen Intellektuellen, die Kurden, die Juden, die Armenier, die Aleviten (eine dem Schiismus nahestehende, jedoch im Allgemeinen kemalistische Minderheit), usw. und benutzt dazu den berühmten Paragrafen 301 des türkischen Strafgesetzbuchs gegen die „öffentliche Herabwürdigung der türkischen Identität, der Republik oder der Großen Nationalversammlung (...) der Republik Türkei, der juristischen Staatsorgane, der Militär- oder Sicherheitsstrukturen.“

Diese Feldzüge werden von einer fremdenfeindlichen, extremen, gut verankerten Rechten abgelöst, die schon immer enge Beziehungen mit dem Staat im Staat unterhielt. Sie ist um die „idealistische Ideenküche“ der jungen „Grauen Wölfe“ und der von Oberst Alparslan Türkeş. gegründeten Partei der Nationalistischen Aktion (MHP) organisiert. So wurde der Journalist und Menschenrechtskämpfer Hrant Dink, ein Armenier aus der Türkei, zuerst von „kemalistischen“ Richtern unter Berufung auf den Paragrafen 301 verurteilt, von der nationalistischen, „sekulären Kemalisten“-Presse verunglimpft, dann am 19 Januar 2007 von einem jugendlichen Rechtsextremisten ermordet.

Und die weltlichen Bürgerparteien ? Zwei nach dem Militärputsch von 1980 gegründete rechtsliberale Parteien haben auf der politischen Szene der 90er Jahre den Ton angegeben, die ANAP (Mutterlandspartei) und die DYP, (Partei des Rechten Wegs). Von zwei historischen Persönlichkeiten (und Staatspräsidenten) ins Leben gerufen, erstere von Turgut Özal, letztere von Süleyman Demirel, sind sie unter der jeweiligen Leitung jüngerer Parteichefs Mesut Yilmaz bzw. Tansu Çiller (die erste in der Türkei als Premierminister ernannte Frau) in den Hintergrund geraten. Durch Korruption in Verruf gekommen, haben sie sich als unfähig erwiesen, die Modernisierung des politischen Lebens angesichts des Staats im Staat zu einem guten Abschluss zu bringen und haben 2002 die 10 % der Stimmen nicht erreicht (Hürde um ins Parlament einzuziehen), da die AKP einen guten Teil ihrer Wählerschaft an sich ziehen konnte. Auch die „sozialdemokratische Linke“, die republikanische Volkspartei (CHP) hat davon profitiert und wurde mit 19% der Stimmen die einzige Oppositionspartei gegenüber der AKP. Ausser dass diese Partei, Mitglied der Sozialistischen Internationalen, weder links noch sozialdemokratisch ist. Als entfernte Nachfolgerin der von Atatürk gegründeten Partei ist sie eine populistische, nationalistische, fremdenfeindliche Bewegung deren Kundschaft vom Staat im Staat teilweise ununterscheidbar ist.

Was die „wirkliche“ Linke betrifft, so gibt es sie nur programmatisch und in kleinen Gruppen oder als dogmatische Karikaturen wie die „marxistisch-leninistischen“ Sekten der extremen Linken.

Eine Minute Dunkelheit für das Licht

Es gibt jedoch andere, genauso ernstzunehmende politische Teilnehmer in dem, was unter „Zivilgesellschaft“ verstanden wird.

Sie haben nach dem Unfall von Susurluk mit Großdemonstrationen reagiert, wo ein Lastwagen am 3. November 1996 mit einem schwarzen Mercedes zusammenstieß, dessen Insassen ein von Interpol gesuchter Drogenhändler und Mitglied der Grauen Wölfe, ein wichtiger Polizeikommissar, das Haupt eines kurdischen Klans, der gleichzeitig Anführer einer gegen die Nationalisten der Arbeiterpartei Kurdistans PKK ins Feld geführten Privatarmee von 20.000 Männern und Abgeordneter der damals regierenden Partei des Rechten Weges DYP war, sowie dessen Geliebte. Diese auf dem Asphalt zu Tage getretene Wirklichkeit des Staats im Staat hat einen Teil der öffentlichen Meinung erschüttert, die sich mit Massenkundgebungen zu Wort gemeldet hat und in sämtlichen großen Städten der Türkei riesige zeitgleiche Verdunkelungen organisierte, um ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu geben. (Das war die Bewegung „Eine Minute Dunkelheit für das Licht“). Dennoch ist es dem Generalstab der Armee bis zu einem gewissen Grad gelungen, sich bei dieser Unzufriedenheitswoge oben zu halten, und den islamistischen Premierminister mit aktiver Hilfe der Linken zu stürzen (vgl. weiter oben).

Dessen ungeachtet war diese symbolische Massenmobilisierung symptomatisch für ein untergründiges soziales Phänomen, das sich seither immer mehr verstärkt hat. Eine öffentliche demokratische Ausdrucksfähigkeit eines Bevölkerungsteils, Jugendliche, Intellektuelle, Mitglieder der Alevitenminderheit, ehemalige linke, der Repression der 80er Jahre entgangene Aktivisten, usw. Eine vielgestaltige Bewegung, eine Art „ Movida“ wie sie Spanien am Ende des Franquismus erlebt hat und die sogar einen Teil der jungen muslimischen Fans der AKP erfasst.

Diese Bewegungsform hat die demokratischen Reformen der AKP eher positiv aufgenommen und dabei gleichzeitig ihren gesellschaftlichen Konservatismus bekämpft. Sie ist vom Ausblick auf den EU-Beitritt als einem Mittel, die kulturelle Modernisierung des Landes zu beschleunigen begeistert. Das erklärt, warum die „beiden Türkeien“ sich auf dieselbe Europafreundlichkeit einstimmten (70% Zustimmung in 2002), wobei die Türkei der „Movida“ darin ein Freiheitsversprechen sieht und die des „muslimischen Unternehmertums“ ein Wohlfahrtsversprechen, und beide einen stabilisierten und demokratischen Horizont. Was aber die „Movida“ nicht daran gehindert hat, gegenüber der AKP in Opposition zu gehen, wie die gelungenen Kundgebungen gegen die Gelüste der Konservativen der AKP, den Ehebruch unter Strafe zu stellen zeigen (eine im Übrigen ebenfalls von gewissen Kemalisten verteidigte Kriminalisierung). Oder nach dem Mord an Hrant Dink im vergangenen Januar zu Zehntausenden mit dem Ruf „wir sind alle Armenier“ gegen den „Staaten im Staat“ auf die Straße zu gehen [5].

Leider hat sich der Staat im Staat nicht aufgelöst, im Gegenteil ... da er dafür über seine beiden Joker verfügt, den Nationalismus und die Verteidigung der Laizität. Es ist insbesondere die Frage des Schleiers, die als Vorwand gedient hat ; Tragen des Schleiers durch Studentinnen an der Universität (gesetzlich verboten) oder Tragen des Schleiers von den Frauen von Erdogan oder von Gül (was sogar einer der Anlässe war, die Wahl des Letzteren zu verhindern).

Die riesigen „weltlichen“ Großdemonstrationen vom April hatten in der Tat zwei Gesichter : dasjenige des Willens, den tatsächlichen oder vermeintlichen Konservatismus der AKP einzudämmen, und dasjenige, den fremdenfeindlichen Nationalismus den Verrätern gegenüber anzuheizen. Da es in der Türkei zwar eine Rechte gibt (die AKP), aber keine Linke, wird die fortschrittliche „Movida“ eingekesselt. Die Linke ist historisch von den „kemalistischen“ Militärs zerschlagen worden und es ist bedeutsam zu sehen, dass eine gegen die Regierung gerichtete, von der Armee unterstützte Kundgebung ohne Zwischenfälle verläuft, während diejenige vom 1. Mai wenige Tage später brutal unterdrückt wird. Und die „Sekulären“ der CHP und andere Pseudofortschrittliche tragen auf sehr aktive Weise zu dieser Einkesselung bei. Sie geben die sozialen Forderungen auf (denen dagegen von der AKP manchmal als Härtefall-Programm Rechnung getragen wird), und entwickeln die nationalistische und fremdenfeindliche Unversöhnlichkeit gegen die Christen oder die Juden, die Armenier oder die Kurden, und die Europäer oder die Amerikaner, einfach wegen „anti-imperialistischer“ Stimmungsmache.

Nur zieht nicht jeder auf die gleiche Art mit. Das Memorandum vom 28. April, mit dem General Yasar Büyükanit und sein Generalstab die Türkei mit einem erneuten Militärputsch bedrohten, hat Reaktionen bewirkt. Und nicht nur bei der Europäischen Union, die dieses Mal gut beraten war. Gewisse weltliche Demonstranten skandierten Slogans wie : „Ne seriat, ne darbe, tam demokratik Türkiye“ (Weder Scharia, noch Staatsstreich, bloß eine demokratische Türkei). Der Nachwuchs der CHP hat ein Memorandum gegen ihre Parteispitze zu Gunsten einer Neugründung der Linken auf den Weg gebracht...

Und ihrerseits hat die Führung der AKP auf eine Konfrontation verzichtet und einen demokratischen Ausweg aus der Krise angeboten, mit Wahlen am 22. Juli 2007 und dem Vorschlag für eine Volksabstimmung, um eine Präsidentenwahl mit allgemeiner unmittelbarer Abstimmung einzuführen.

Die dunkle graue Wolke

Wird es den beiden Türkeien, der bürgerlich-weltlich und fortschrittlichen und der muslimisch-konservativ und demokratischen gelingen, die Krise zu bannen und dadurch ein Zusammenleben aufzubauen, das „türkische 1905“ von dem der Journalist Baskın Oran in seiner Anspielung auf die „beiden Frankreiche, das der Maria und das der Marianne ” spricht ? Das steht leider nicht sehr fest, denn zu den schwarzen nationalistischen und militärischen Wolken, die den türkischen Himmel verfinstern, gesellen sich diejenigen, die wir von Europa hinüberschicken. Die islamfeindliche und demütigende Ablehnung, die die Türken in der Art wahrnehmen, in der ihnen von gewissen Personen die vor vierzig Jahren das als offenstehend angekündigte Tor zugeschlagen wird, nährt den Groll und damit die Fremdenfeindlichkeit (der Grad der Europafreundlichkeit ist in 2007 auf weniger als 50% gesunken). Die Art, wie es unser neuer Präsident darauf angelegt hat, sich zum Herold dieser Ablehnung aufzuschwingen, spricht Bände über den Inhalt, den er der Mittelmeerallianz zu geben beabsichtigt und über den er in seiner Wahlrede von Toulon und bei seiner Antrittsrede als neugewählter Staatspräsident gesprochen hat und der besagt : in dieser „Allianz“ seid ihr nicht wie wir und euer Staat im Staat wird seine Macht behalten können. Und es ist vorstellbar, wie wohl diese Rede in einem viel diktatorischeren Rahmen als der Türkei, einem Moubarak oder einem Ben Ali im Ohr klingen könnte, und was die mögliche Infragestellung der letzten türkischen demokratischen Errungenschaften für sie bedeuten würde ! Aber die Art, wie unsere eigene linke Opposition es darauf anlegt, in der Türkei nur eine Konfrontation zwischen dem sekulären Guten und dem islamischen Bösen zu sehen, und alles, was Schleier trägt, als Scheußlichkeit aller Scheußlichkeiten angeht, endet darin, einem Nationalismus das Wort zu reden, der manchmal zum Faschismus neigt. Und es ist vorstellbar, wie wohl diese Rede in einem viel korrupteren Rahmen als dem der Türkei in den Ohren algerischer Generäle klingen könnte. Diese französischen Haltungen, die man auch in Dänemark, in Deutschland, in Österreich oder in den Niederlanden antrifft, begünstigen in der Türkei die schlimmsten Szenarien. Ein positiver Ausgang der Krise mit der Gründung einer neuen Linken (zu der selbstverständlich muslimische Strömungen gehören würden), und die Reifung eines politischen, demokratischen Islam hätten beträchtliche positive Folgen in Europa, im Mittelmeer und auf der ganzen Welt. Eine Niederlage wird sicher ebenso beträchtliche, aber negative Folgen haben, einschließlich bei uns.

Der türkische Journalist und Dichter Ece Temelkuran beobachtete vor einer Weile Kinder in Istambul : „Der kleine Ceren ist gerade sechs Jahre alt. Er glaubt, dass „Europa“ „Frieden“ heißt ; der gleichaltrige Atarbek denkt, es hieße, „sich nach dem Krieg wiederversöhnen“. Die türkische Familie möchte glauben, dass die große graue Wolke, die sich über ihr zusammenzieht, einen erholsamen Regen mit sich bringt“ [6].

Bernard Dreano, den 11. Mai 2007

Bernard Dreano ist Vorsitzender der Europäischen Bürgerversammlung (HCA-Frankreich) und Sprecher des internationalen Netzwerks der Helsinki Citizens’ Assembly.

Aus dem Französischen von Angelika Gross, ehrenamtliche Übersetzerin Koorditrad.

Bernard Dreano


[1„Die Türkei ist weltlich und wird weltlich bleiben !“ Slogan bei den Demonstrationen gegen die Wahl von Abdullah Gül im April 2007

[2Lange vor Ségolène war es der Slogan der Islamisten der Refah

[3Am 28. April 2007 hat der Generalstab der Armee ein „sekuläres“ Memorandum veröffentlicht, in dem er im Falle einer Wahl von Abdullah Gül mit einem Militärputsch droht, und in dem steht : „Wer auch immer es ablehnt, die Bedeutung des Spruchs ”Glücklich derjenige, der sagen kann, ich bin ein Türke” zu verstehen, wie es der Gründer unserer Republik, der große Anführer Atatürk gesagt hat, ist ein Feind der Republik Türkei und wird es bleiben“.

[4Die absolute Weigerung der Armee und folglich aller „sekulären Kemalisten“, den 1915 von den kriegführenden ottomanischen Streitkräften (aus denen die neue republikanische Armee hervorging) an den Armeniern begangenen Völkermord anzuerkennen, lässt sich genau auf diesen militärischen Ursprung zurückführen.

[5An diesen Demonstrationen auf den Straßen von Paris hat sich auf Initiative der ACORT (Versammlung türkischstämmiger Bürger) ein Teil der Türken Frankreichs beteiligt, darunter Mitglieder der armenischen Diaspora

[6Ece Temelkuran : „Die dunkle graue Wolke Europas“ Altermed, das Mittelmeer anders, Jahreszeitschrift, Paris 2007

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